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Dokumentation
Erste Ergebnisse des SERIGO-Projekts
Das Konsortium des internationalen Horizon Europe-Forschungsprojekts SERIGO traf sich kürzlich (16.-18-06.2026) an der CU Hochschule Kärnten in Villach, um zu erörtern, wie Initiativen der Sozial- und Solidarökonomie die Resilienz und Inklusion in ländlichen Regionen Europas fördern können, insbesondere für vulnerable Zielgruppen, und um Pilotmaßnahmen in Finnland, Estland, Österreich, der Slowakei und Slowenien voranzutreiben. Jede Fallstudie hat unterschiedliche Zielgruppen im Blick.
Worum geht es in SERIGO?
In SERIGO arbeiten 17 Partner*innen aus 11 europäischen Ländern bereits seit Jänner 2024 zusammen.
Das Projekt verfolgt zwei zentrale Ziele:
- Eine evidenzbasierte Grundlage für die Einschätzung der Wirksamkeit sozialökonomischer Maßnahmen soll geschaffen werden. Die Rolle der Sozial- und Solidarökonomie bei der Abmilderung von Vulnerabilität wird untersucht. Dies inkludiert auch das Wissen um Faktoren und Mechanismen der sozialen Exklusion.
- Weiters werden politische Handlungsempfehlungen entwickelt, die eine Verbesserung der Rahmenbedingungen und Lebensrealitäten vulnerabler Gruppen in ländlichen Gebieten Europas zum Ziel haben.
Das SERIGO-Projekt läuft noch bis Ende 2027.
Im IARA-Forschungskolloquium am 24.06.2026, moderiert von Birgit Aigner-Walder, präsentierten Marika Gruber und Monika Brenner-Skazedonig nun die ersten Ergebnisse aus der Kärntner Fallstudie.
Kärntner Fallstudie: Frauen mit Flucht- und Migrationsbiografie im Fokus
Das Team der CU Hochschule Kärnten unter der Leitung von Marika Gruber ist mit dem Arbeitspaket der Pilotmaßnahmen betraut und führt in Kärnten eine Fallstudie mit dem Fokus auf Frauen mit Flucht- und Migrationsbiografien und deren Inklusion und Teilhabe, speziell am Arbeitsmarkt, durch. Der Fallstudienansatz beinhaltete einen Mixed-Methods-Ansatz, d.h. quantitative und qualitative Methoden wurden kombiniert (Daten-Analysen, Projektmapping, Interviews, Fokusgruppen, Fragebogenerhebung).
Demographische, statistische Rahmenbedingungen
Im Vergleich zu Österreich gesamt (ca. 28%) leben in Kärnten weniger (16,4%) Menschen mit Migrationshintergrund. Trotz Zuzug und Zuwanderung ist Kärnten das einzige österreichische Bundesland, deren Bevölkerung laut aktuellen Prognosen schrumpfen wird, manche Bezirke sind bereits geschrumpft. Ohne Zuwanderung würde auch Österreichs Gesamtbevölkerungszahl rückläufig sein. Migration nimmt also eine wichtige Rolle für die Bevölkerungs- und Arbeitsmarktentwicklung ein.
Zahlen belegen, dass Personen mit Migrationshintergrund eine geringere Erwerbstätigenquote aufweisen als in Österreich geborene Personen (68,5% vs. 76,6%) und häufiger arbeitslos sind (9,6% vs. 5,3%). Auch sind sie häufiger von Armut betroffen als die Bevölkerung mit österreichischem Pass (36% vs. 13%). Hierbei gibt es jedoch große Unterschiede zwischen Personen, die aus der EU und EFTA-Ländern zugewandert sind, und Drittstaatenangehörigen. Unterschiede bestehen auch in der (formalen) Bildung und hinsichtlich der Kinderanzahl, welche auch die Erwerbstätigkeit stark beeinflussen.
Zwei Projekte zur Arbeitsmarktintegration
Wie wir auch aus dem Vorgängerprojekt MATILDE wissen, ist es insbesondere für zugezogene Frauen schwierig, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Daher beschäftigt sich die Kärntner Fallstudie mit der sozio-ökonomischen Situation von Frauen mit Migrations- oder Fluchterfahrung. Es wurden zwei Projekte zur Arbeitsmarktintegration dieser Zielgruppe ausgewählt, deren Maßnahmen (Berufsqualifizierung, Deutsch-Training, Empowerment u.ä.) und Wirkungen genauer untersucht wurden, auch hinsichtlich des Handlungsspielraums und der politisch-finanziellen Rahmenbedingungen der Organisationen aus dem Bereich der Sozial- und Solidarökonomie, die die beiden Projekte implementieren. Es sind dies:
- my way – Jobwerkstatt Kärnten: implementiert von FAB – Verein zur Förderung von Arbeit und Beschäftigung; Fokus auf Frauen über 18 mit wenig oder ohne Berufserfahrung, Vermittlung von Digitalisierungs-Skills & Deutsch-Kenntnissen, Job-Orientierung, Praktika.
- femme.plus – empower, employ, emulate me: implementiert von Diakonie de La Tour; Fokus auf Frauen mit Fluchterfahrung und Drittstaatenangehörige, Heranführung an den Arbeitsmarkt und Ausbildungsmöglichkeiten, sozial-pädagogische Unterstützung, Coaching; mit Kinderbetreuung während der Maßnahmen.
Beide Projekte werden im AMS-Kontext gefördert, unter Beteiligung von Bundesmitteln und bei femme.plus auch Landes- und EU-Mittel (AMIF Fund). Als weitere Partner*innen involviert sind bei my way Unternehmen, bei femme.plus das Land Kärnten und der Österreichische Intergrationsfonds.
Resultate der qualitativen Erhebung
Die Ergebnisse der Interviews und Fokusgruppen wurden codiert und die Auswertung ergab 235 verschiedene thematische Codes, die 1955 Mal vergeben wurden. Die Auswertung dieser Codes brachte mehrere Spannungsfelder zutage, denen sich die Frauen oder auch die Organisationen der Sozial- und Solidarwirtschaft gegenüber sehen.
Spannungsfeld: Qualifikation, Aus- und Weiterbildung
Hinsichtlich der formalen Ausbildung ist die Gruppe der Migrantinnen und Frauen mit Fluchterfahrung sehr heterogen. An den Maßnahmen sind Frauen mit Universitätsabschlüssen und Doktorat oder Frauen, die selbstständig tätig waren, ebenso vertreten wie Frauen, die über keinerlei Schulbildung verfügen. Dies ist bisweilen eine große Herausforderung in den Kursen. Vor allem aber stellen die (schwierigen) Nostrifizierungen für höher qualifizierte Frauen eine große Hürde dar, um in ihrem Beruf arbeiten zu können. Sehr häufig werden qualifizierte Frauen aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeit oder Druck im Rahmen der Maßnahme oder des AMS zu minder qualifizierten Tätigkeiten gedrängt, da dies den Berufseinstieg erleichtere.
Die Projekte zur Arbeitsmarktintegration werden letztlich anhand der Zahlen an erfolgreichen Vermittlungen gemessen. Dieser Druck wirkt sich auch auf die Begleitungs- und Beratungssituationen aus. Nicht zuletzt gibt es in Arbeitsmarktprojekten Auflagen, in welche Bereiche die Frauen vorwiegend vermittelt werden sollen, z. B.: Pflege, Gesundheit, Handel. Das Spannungsfeld besteht auch darin, dass Stereotype reproduziert werden, wenn Frauen vorwiegend in Berufe wie z. B. Kinderbetreuung und Pflege vermittelt werden. Andererseits tragen die Maßnahmen und eine bezahlte Arbeitsstelle zur Stärkung des Selbstwerts bei. Insbesondere dann, wenn die Frauen über weniger formale Bildung verfügen und auch ihre informellen Fähigkeiten und Kompetenzen wertgeschätzt und ins Bewusstsein gerückt werden.
Spannungsfeld: Gesellschaftlicher Diskurs zu Integration und Migration
Integration wird im gesellschaftlichen Diskurs in Österreich vorwiegend als „Integration in den Arbeitsmarkt“ verstanden und bewertet. Menschen werden vorwiegend als Humankapital und Arbeitskraft gesehen, nicht als (Mit-)Bürger*innen. Dies bedeutet, dass die Betroffenen spüren, dass ihre „Verwertbarkeit“ am Arbeitsmarkt als zentral angesehen und „Anpassung“ gefordert wird. Andere Bereiche ihrer Identität, Werte und Kultur, ihre „Normalität“, bleiben im Verborgenen oder Privaten und somit vielfach „unsichtbar“ in der Gesellschaft.
Die Frage an uns alle lautet daher, wie viel an Diversität lassen wir zu und wie viel sichtbaren Raum „gewähren“ wir zugewanderten Menschen? In diese Richtung gilt es dringend weiterzudenken. Familie und Arbeitsmarktintegration zu bewerkstelligen, ist auch für Frauen aus Österreich mit Herausforderungen hinsichtlich verfügbarer Kinderbetreuungsplätze verbunden. Bei Familien mit Migrationshintergrund kommt erschwerend hinzu, dass häufig das soziale Netz oder die Infrastruktur zum „Einspringen“ für Kinderbetreuung fehlt. Frauen können aufgrund ihrer Kinderbetreuungspflichten oft nicht in dem gewünschten Ausmaß an Maßnahmen teilnehmen oder diese weiterführen, wenn keine Kinderbetreuung inkludiert ist.
Spannungsfeld: „Projektgeschäft“ in der Sozial- und Solidarökonomie
Die nichtstaatlichen Organisationen der Sozial- und Solidarökonomie sind einem starken gegenseitigen Wettbewerb um Fördermittel und dem täglichen „Projektgeschäft“ ausgesetzt. Große Organisationen verfügen über mehr Erfahrungen, Know-how und Ressourcen für die Akquise von Finanzierungsmöglichkeiten. Kleinere Vereine kommen weniger zum Zug, sodass Verdrängungseffekte auftreten. Gleichzeitig beeinflussen die Ziele der Fördergeber*innen die strategisch-taktischen Ziele der Organisationen, die ihre Aktivitäten nach diesen „vorgegebenen“ Zielen ausrichten, nicht zuletzt um eine zweite Ebene von Zielen zu verfolgen, die den Fortbestand ihrer Organisation sichert und es ihnen erlaubt, ihre Mitarbeiter*innen zu halten. Der Erfolgsdruck bei Projekteinreichungen ist hoch.
Auswahl an Handlungsempfehlungen an die Politik
- Die Kontinuität arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen für immigrierte und geflüchtete Frauen ist wichtig.
- Das Projektgeschäft und die Kurzfristigkeit vieler Maßnahmen stehen einem langfristigen Erfolg im Wege.
- Zielkonflikte zwischen Fördergeber*innen und Organisationen aus der Solidar- und Sozialwirtschaft müssen besser adressiert werden.
- Ein Ausbau an Bildungsmaßnahmen kommt der Arbeitsmarktintegration zugute.
In ihrem Schlussstatement betonte Birgit Aigner-Walder aus volkswirtschaftlicher Sicht die wichtige Rolle der Erwerbsbeteiligung von Frauen (auch über Teilzeit hinaus), da aufgrund der demographischen Gegebenheiten in den kommenden Jahren je nach Region bis zu 15% der Erwerbstätigen aus dem Berufsleben ausscheiden werden. SERIGO adressiert daher eine sehr relevante Zielgruppe, die jedoch in der Praxis oft vor großen Herausforderungen steht und wirksamer Unterstützung bedarf.
Weitere Informationen & Präsentation
Auf die quantitativen Ergebnisse des Projekts konnte im IARA-Forschungskolloquium aufgrund Zeitmangels nicht näher eingegangen werden, sie sind jedoch in der Präsentation, die zum Download zur Verfügung steht, enthalten.
Kontakt für weitere Fragen & Anliegen
- Marika Gruber: m.gruber@nullcuas.at
Im Fokus des Forschungskolloquiums des Alternsforschungszentrums IARA der FH Kärnten im Juni 2026 steht das Horizon Europe-Projekt SERIGO. Im Projekt wird erforscht, wie Initiativen der Sozial- und Solidarwirtschaft zu Resilienz, Inklusion und dem „Guten Leben für Alle“ in ländlichen Regionen beitragen können. Im Zentrum stehen unterschiedliche vulnerable Gruppen und deren Lebensrealitäten in ländlichen Regionen Europas. Die FH Kärnten unter der Projektleitung von Marika Gruber beschäftigt sich in einer Fallstudie mit der Zielgruppe Frauen mit Flucht- und Migrationsbiographie in Kärnten, ihrer Integration und Teilhabe, insbesondere am Arbeitsmarkt. Wir laden Sie herzlich zur Teilnahme am Online-Forschungskolloquium ein, um Neues aus dem SERIGO-Projekt zu erfahren, das sich bereits im 3. Projektjahr befindet und noch bis Ende 2027 läuft.
SERIGO: Mit sozialwirtschaftlichen Innovationen Resilienz, Inklusion und ein gutes Leben in ländlichen Regionen Europas fördern
Einblick in die Fallstudie Kärnten zur Arbeitsmarktintegration von Frauen mit Flucht- und Migrationshintergrund
In der Fallstudie werden zwei Arbeitsmarktintegrationsprojekte mit qualitativen Methoden und partizipativem Design erforscht. Dabei geht es darum herauszufinden, wie sich die Situationen der Frauen gestalten, welchen Herausforderungen sie sich stellen müssen, wie die Projekte auf individueller Ebene selbstwirksamkeitsfördernd wirken können, aber auch welche sozialen, politischen oder rechtlichen Rahmenbedingungen hinderlich bzw. förderlich sein können für die Arbeitsmarktintegration von Frauen.
IARA-Forschungskolloquium
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Wann | Mittwoch, 24.06.2026, 10-11 Uhr |
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Wo | Online über MS Teams |
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Anmeldung | Bis 23.06.2026, 12 Uhr Angemeldete Teilnehmer*innen erhalten rechtzeitig vor dem Forschungskolloquium den Zugangslink zum digitalen Meeting-Room. |
Das Forschungskolloquium dient der Präsentation und Diskussion von Forschungsergebnissen und Forschungsvorhaben sowie dem fachlichen Austausch.
PROGRAMM
10:00 | Begrüßung
10:10 | Vortrag
Mit sozialwirtschaftlichen Innovationen die Arbeitsmarktintegration von Frauen mit Flucht- und Migrationshintergrund steigern – Überblick zum Projekt SERIGO und der Fallstudie Kärnten
Marika Gruber
10:25 | Vortrag
„Ich träume davon, Erzieherin im Kindergarten zu werden und Kindern zu helfen“ – Einblick in die Fallstudienergebnisse
Monika Brenner-Skazedonig
10:45 | Diskussion und Austausch
10:55 | Resümee und Abschluss
Moderation: Birgit Aigner-Walder
Das IARA-Team freut sich auf Ihre Teilnahme!
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